Astrid gucken, oder: hinter dem Zaun

Astrid! quengelt Anatol. Ich will Astrid gucken!
– “
Erst Zähneputzen. Dann gibt es noch ein Video”, erwidere ich streng. Folgsam schrubbt Töli die Zähne, dann geht es an den Rechner, wo Ruben schon ungeduldig darauf wartet, dass ich die Youtube-Seite aufrufe.
Da! Astrix und Klopa! ruft er. Das will ich!

Wir entscheiden uns schließlich gegen Kleopatra und für Asterix und Obelix in Amerika. Unter der Auflage: “Aber nur 15 Minuten!”
Nach 15:09 Minuten klicke ich auf Pause. Die beiden rebellischen Gallier laufen gerade auf ihr Dorf zu, wo eben eine Keilerei im Gang ist, weil einzelne Dorfbewohner mit der Qualität von Verleihnix’ Frischfischen unzufrieden sind. Man sieht bereits die Dorfmauer, als das Video stoppt.
Nur noch eine Sekunde!, bettelt Ruben.
– “Was bringt dir das?”
– Ich will sehen, was hinter dem Zaun ist!

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Seepferd

Seepferd-Stillleben

Stillleben mit Seepferd (Badehose auf Arbeitsplatte, 2015)

Das ist doch echt’n super Fortschritt! Ruben ist zu Recht von sich begeistert. Prustend klettert er aus dem Wasser, nachdem er soeben vom Startblock ins tiefe Wasser gesprungen ist. Noch vor zwei Wochen hätte man ihm Schwimmflügel umbinden müssen, und er wäre nur zaghaft ins tiefe Becken gegangen – wenn überhaupt. Nun springt und schwimmt er ohne Flügel – und taucht unerschrocken zum Boden des Nichtschwimmerbeckens. Das sind die Minimalanforderungen für das Seepferdchen. Aber  längst strebt Ruben natürlich nach Höherem.

Was muss man denn machen für das bronzene Abzeichen?, fragt er eifrig.

  • Sprung vom Beckenrand und mindestens 200 m Schwimmen in höchstens 15 Minuten
  • einmal ca. 2 m Tieftauchen von der Wasseroberfläche mit Heraufholen eines Gegenstandes
  • Sprung aus 1 m Höhe oder Startsprung
  • Kenntnis der Baderegeln

zitiere ich die DLRG-Regularien für das Jugendschwimmabzeichen in Bronze. Das ficht Ruben nicht im geringsten an. Zwei Meter tauchen kann ich doch schon!, behauptet er großspurig. Immerhin: Vom Startblock ist er heute im Berliner Sommerbad am Insulaner erstmals gesprungen – und wenn seine Entwicklung weiterhin so rasant verläuft, schafft er ja vielleicht wirklich bis zum Jahresende das Bronze-Abzeichen.

Das hat ihm immerhin der DLRG-Bademeister prophezeit, der ihm am letzten Tag unseres Sommerurlaubs bei strömendem Regen im schönen Lohrer Freibad – so eins hätten wir auch gern in Berlin – die Prüfung abgenommen hat. Es war Sonntag morgen, und wir (Oma, Opa, Mama, Papa, Bruder) waren mehr oder weniger die einzigen Badegäste. Kurz nach zehn sprang Ruben ins Wasser – fünf Minuten später hielt er sein Abzeichen in Händen. Der Bademeister hielt noch eine kleine Rede, dann fuhren wir bei weiterhin strömendem Regen, aber bester Dinge, gen Berlin.

Heute haben wir die Badehose ausgesucht, auf der das Abzeichen platziert werden soll. Und weil das Ganze ja schön aussehen soll, habe ich die Badehose mitsamt Aufnäher in die Kleiderklinik gebracht, wo sie der bedächtige türkische Schneider bis Dienstag veredeln wird. Wenn man genau hinschaut, sieht man das links noch Platz für mindestens Bronze ist.

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Berechtigte Frage

2. August, nach der Hochzeits-Party von Rubens Patenonkel Mark. Wir kurven durch Hamburg-Wilhelmsburg, auf der Suche nach dem richtigen Abzweig Richtung Autobahn. Papa biegt falsch ab, wird von Mama auf seinen Fehler aufmerksam gemacht und wendet fluchend.
Warum fahren wir jetzt hier?, fragt Anatol interessiert.
– “Weil der Papa zu blöd zum Autofahren ist”, erwidere ich sarkastisch.
Und warum tauscht ihr dann nicht?

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Völlig aufgelöst

Ruben duscht schon seit geraumer Zeit alleine vor sich hin. Ich bitte ihn, langsam zum Ende zu kommen.
Ich dusche, bis ich aufgelöst bin!, bescheidet mir mein Sohn.
– “Das kostet aber ganz schön viel Strom!”, erwidere ich.
Was hat Wasser denn mit Strom zu tun?, lässt Ruben mich abblitzen. Höchstens mit Elekziträt!

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Man wird ja wohl noch…

Seit es gestern Zeugnisse gab, ist Ruben (6) ganz eifrig dabei, in seinem “Lola-Heft” Übungsaufgaben zu machen: Lisa lacht laut und Im Becher ist Saft, schreibt er mehr oder weniger sorgfältig in die vorgegebene Zeile. Sein Bruder hantiert ebenfalls mit Stiften. Einträchtig sitzen die beiden am Esstisch und malen – jeder auf seine Weise.

Bis Anatol (3) beschließt, dass es für heute gut ist.
Willst du die Stifte?, fragt er artig seinen großen Bruder und hält ihm die großen Holzbuntstifte hin.
Mann, ich muss mich jetzt konzentrieren!, erwidert Ruben unwirsch.
Ich frage nur, stellt Anatol würdevoll pikiert klar.

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Tiere auf dem Weg zu Oma und Opa

Es ist Freitag und wir fahren zu Omas 75. Geburtstag in den Spessart. Es dauert, bis wir aus Berlin raus sind, und die Sonne brennt durchs Fenster unseres frisch geputzten und getüvten Mazda 626. Dafür funktioniert die Klimaanlage wieder. Aber der Aufräumaktion ist auch der Sonnenschutz mit dem Bärenmotiv zum Opfer gefallen, und Töli sitzt auf der falschen Seite.

Ich brauch ein Tier!, fordert mein dreijähriger Sohn vehement. Und so verlassen wir bei Weißenfels die Autobahn und hoffen, auf einer Aral-Tankstelle Erlösung zu finden. Stattdessen gibt es nur mit Payback-Punkten erkauften Milchkaffee und Kekse. Ruben und Anatol tauschen einfach die Seiten. Die Stimmung wird besser.

Bis zur Abfahrt auf die A70 vertreiben wir uns die Zeit mit Eddie Eichhorns musikalischer Reportage vom Hühnerhof und schmettern Doch der Dackel, der sagt: Nein, Krokodil, lass das sein – sonst sperr ich dich in eine Kiste ein! Zwischen Bamberg und Schweinfurt darf dann Papa mal was auflegen: The Last Shadow Puppets.

– “Wie findest Du die Musik?”, frage ich Ruben (6).
Ganz gut, erwidert mein Großer. Ich versteh nur die Sprache nicht. Obwohl: Da sind auch Wörter aus meiner Geheimsprache dabei.
Damit will er sagen: dieser nordenglische Akzent klingt fast wie mein Fantasie-Englisch.

Schließlich verlassen wir bei Hammelburg die Autobahn. Mittlerweile sind wir dazu übergegangen, selber im Kanon zu singen: “Hejo, spann den Wagen an” und “Miau, miau hörst du mich schreien”. Noch eine gute halbe Stunde.

Ich rieche Oma und Opa schon, nimmt Ruben Witterung auf. Wir erreichen den Main, dann den Valentinusberg, und dann sind wir da.

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Schlaf und Laune

Papa (45): “Ihr müsst schlafen, sonst seid ihr morgen früh ganz schlecht gelaunt.”
Töli (3): Und ihr auch!

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Hitler und Napoleon

Aus irgendeinem Grund, den ich vergessen habe, muss ich Ruben erklären, warum es Nazis gegeben hat (bei dieser Gelegenheit fällt mir unweigerlich Woody Allen ein: “Papa, warum hat es eigentlich Nazis gegeben?” – “Woher soll ich wissen, warum es Nazis gegeben hat – ich weiß ja nicht mal, wie dieser Dosenöffner funktioniert.”). Als ich gerade erklären will, wer Adolf Hitler war, unterbricht mich mein sechsjähriger Sohn und sagt: War das nicht der Mann, der schlimme Sachen gemacht hat und dann auf einer kleinen Insel wohnen musste?

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Small talk

Ruben (6): Jetzt ist 19 Uhr!
Anatol (3): Ja, das ist so manchmal…

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Richtig. Nicht richtig

Anatol hat nicht nur den Smalltalk für sich entdeckt, sondern auch die Quizfrage:
Wer bist du? fragt er mich. Martha oder Papa?
Ich rätsle, wer Martha ist, sage aber vorsichtshalber: “Papa.”
Richtig! ruft mein dreijähriger Sohn begeistert aus – es fehlt gerade noch, dass er einen Luftsprung macht wie weiland Hans Rosenthal.
Das Kreuzverhör geht weiter:
Freund oder Mama?
Hmm, schon schwieriger: “Freund?”
Anatol reißt die Arme hoch: Richtig!
Puh!

Aber schon kommt die nächste Frage: Haus oder Luftballon?
“Haus!” sage ich entschieden.
– Richtig!
Da habe ich ja noch mal… Glück gehabt.

Ich sehe meinem Sohn bereits an, dass ich es mit der nächsten Frage nicht so einfach haben werde. Und hier kommt sie auch schon, die Killerfrage: Was willst du: Apfelsaft oder Banane?
-“Banane”, sage ich fatalistisch.
Nicht richtig! entgegnet Anatol fröhlich.

Schwamm drüber. Uns bleiben ja noch die W-Fragen:
Warum isst du auch eine Bratwurst mit Reis?
– “Weil du dir das als Mittagessen gewünscht hast”, erwidere ich freundlich.

Das lässt der Quizmaster gelten.

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Tannenbaum revisited

Das ganze Wohnzimmer ist ein Kissenmeer. Anatol hat alles, was er finden konnte, ausgebreitet: große Kissen, kleine Kissen, Decken, Kuscheltiere. Nun ist es Zeit aufzuräumen. Papa übernimmt die Decken und die großen Kissen. Anatol (3) trägt die beiden Kissen mit dem Auto-Design, die er und sein Bruder zur Einschulung beziehungsweise zu Weihnachten bekommen haben. Das habe ich vom Weihnachtsmann bekommen, sagt er und hebt das etwas größere der beiden Schlafkissen hoch. Dann wedelt er mit dem kleineren: Und das vom Tannenbaum!

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Schafsinn

– “Und was macht das Schaf?”, fragt Mama.
Na, mäh…, sagt Anatol

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Killerfrage

Ruben fällt es schwer einzusehen, dass er jetzt schon ins Bett soll, wo es doch draußen noch hell ist. Ich erkläre, dass es von der Jahreszeit und vom Ort abhängt, wie hell es zu einer bestimmten Uhrzeit ist, wir aber trotzdem meist zur selben Zeit ins Bett gehen, damit wir morgens ausgeschlafen sind.
– “In Belgien ist es zum Beispiel länger hell als hier”, erkläre ich. “Das liegt glaub ich daran, dass Brüssel nordwestlich von Lohr ist.”
– Und warum sind wir dann nicht da geblieben?

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Teilnahmebedingung

Ostersonntag. Die Nester sind gefunden, die Eier weitgehend verspeist. Während sich Anatol und Mama an Memory versuchen, spielen Oma, Papa und Ruben Elfer rausNach der dritten Runde verliert Ruben die Lust. Er fragt, ob er auch bei Memory mitspielen dürfe. Anatol überlegt kurz und stimmt dann zu – unter einer Bedingung: Aber ich gewinn!

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Thronrede

Abendessen bei Oma und Opa. Alles redet durcheinander. Anatol (kurz vor drei) betrachtet von seinem Hochstuhl aus gut gelaunt das familiäre Treiben. Dann wird es ihm zu bunt: Hört mal auf, Leute! Schlagartig ist es still. Papa und Oma biegen sich vor Lachen. Anatol grinst breit. Dann ist die Tafel aufgehoben, und König Anatol lässt sich von seinem Thron herunterheben.

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