Kuscheltier (Standby)

Wir haben Besuch. Die KInder haben beschlossen, zu viert in Rubens Zimmer zu schlafen. Carla (7) sucht noch ihr Kuscheltier. Ruben wundert sich, dass sie noch eines braucht.
– „Hast Du denn kein Kuscheltier?“, fragt Carlas Papa meinen Großen.
Kein aktives, retourniert Ruben cool.

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Ich bin vier

Die Szene ein Spielplatz.

Zunächst sind wir fast ganz allein, buddeln mit den selbst mitgebrachten Schaufeln tiefe Löcher und bauen mit Eimer und Förmchen eine Burg. Da tritt ein kleines Mädchen näher, das sich offenkundig für Anatol und mehr noch für sein Spielgerät interessiert.
Du darfst nicht. Ich spiele hier mit dem Papa, sagt Anatol. Ich bin vier.
Das Mädchen ist noch keine zwei. Später überlässt Töli seine Gerätschaften großzügig der kleinen Interessentin. Aber du darfst nicht die Burg kaputt machen!

Jetzt ist Bewegung angesagt. Anatol wartet, bis alle gucken, dann flitzt er die Rutsche runter.
– Ich bin schon vier Jahre alt,
informiert er eine der umstehenden Mütter.
Ich bin neununddreißig erwidert die rotblonde Frau und lächelt.

– Ich bin vier, informiert Anatol einen Opa, während er über die Stein-Quader der Wasser-Plansche balanciert.
– „Na gut, dass wir das jetzt auch wissen“, brummt der Mann nicht unfreundlich.

Seit knapp zwei Wochen ist Anatol nun nicht mehr drei, und der lang herbeigesehnte Geburtstag war in vielerlei Hinsicht eine Zäsur. Wenn ich vier bin, brauche ich keine Wille mehr, hatte mein kleiner Sohn schon frühzeitig verkündet. Und tatsächlich Wort gehalten. Seit dem Jubeltag gibt es nur noch nachts eine Windel – und dafür tagsüber das eine oder andere Malheur. Aber Püppi wird jetzt überwiegend ins Klo gemacht oder ins Gebüsch, wenn gerade kein Klo zur Verfügung steht. Manchmal geht auch was in die Hose. Aber das ist ja normal.

Fahrradfahren steht noch nicht auf der Agenda. Höchstens bei Papa. Doch an seinen selbstgesteckten Zielen lässt sich Anatol gern messen. Er springt sechs Stufen herunter, wenn Papa fünf ausreichend findet. Er ist jetzt, schließlich, endlich: vier.

 

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Holzwege

Ulf, deine Einschätzungen waren nicht ganz richtig, belehrt Ruben seinen Großvater, der ihm nicht zugetraut hatte, ein derart großes Stück Holz in den Schubkarren zu wuchten. Nebenan wird gebaut. Dafür wurde das Nachbargrundstück gerodet, und der schöne Wald meiner Kindheit ist weg. Die Großeltern haben die Gelegenheit genutzt, schnell noch ein paar sturzverdächtige Bäume auf ihrem Grundstück fällen und in handliche Einzelteile zersägen zu lassen. Letztere transportieren wir nun mit der Schubkarre vom Hang weg. Anatol und Ruben helfen nach besten Kräften und können schon erstaunlich große Stücke heben. Aber wegfahren muss das schwere Zeug dann natürlich Papa.

Um die Kurve durch das kleine Gatter zu kriegen, muss ich ganz schön die Hacken in den Boden stemmen. Zweimal bleibe ich dabei mit der Stirn am Stacheldraht hängen, der noch über das Gatter gespannt ist. Irgendwann habe ich es aber raus, gleichzeitig zu bremsen, die Kurve zu kriegen und mich im richtigen Moment zu ducken. Anatol ist mir dabei stets auf den Fersen. Er möchte helfen – und Leerfahrten vermeiden. Kaum haben wir uns der Fracht entledigt, deutet er auf unser Transportmittel und sagt: Ich möchte in die Schublade und wieder hochfahren!

Behände klettert er in die Schubkarre, sein Vater holt Schwung und tief Luft, rollert den Hügel hinauf und denkt: Man muss sich Papa als glücklichen Menschen vorstellen.

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Krass

Zu Ostern hat Anatol von Oma einen Notarztwagen samt Infusionsapparatur und Arztfigur bekommen. Wie bei Playmobil üblich, befindet sich im Karton auch ein Werbezettel mit diversen ebenfalls erhältlichen Abenteuer-Spielwelten. Nach dem Motto: Kinder, denen ihre Eltern Krankenwagen gekauft haben, interessieren sich auch für Cowboys und Indianer oder Dinosaurier.

Anatol kommt vom Wohnzimmer ins Esszimmer, wo die Erwachsenen noch beim Frühstück sitzen, und hält allen reihum den Werbezettel hin.
Der Ruben hat gesagt, er findet das voll krass, sagt er und zeigt auf eine Wildwest-Szene. Oma, was findest du krass?
Oma studiert pflichtschuldig den Zettel und deutet dann auf eine andere Szene. „Das hier finde ich krass.“
Papa wählt ein unverfängliches Dinosaurier-Set. Und noch was mit Cowboys. Töli ist zufrieden.
Dann ist Mama dran. Sie entscheidet sich für gleich zwei Szenen. Leider sind es die falschen: Nein, das findet der Papa schon krass!

 

 

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Hyperbolik und Realität

Rubens neues Lieblingslied ist Haus am See von Peter Fox, der selbsterklärten Abrissbirne für die deutsche Seele. Darin kommt die Zeile vor: Ich hab zwanzig Kinder und meine Frau ist schön. Als wir das Lied beim Frühstück zum zweiten Mal gehört haben, sagt Anatol: Aber zwanzig Kinder ist zu viel! Schließlich könnten die doch unmöglich alle gleichzeitig in die Kita gebracht werden, führt mein fast Vierjähriger weiter aus. „Und für die Windeln bräuchte man einen eigenen Container“, ergänzt Mama. Und Papa freut sich still, dass sein Großer schon für Dicke-Hose-Selbstironie empfänglich ist und der Kleine so viel praktischen Hausverstand beweist.

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Die gute Frage (41)

– Wie alt bist du, Papa?, fragt Anatol (fast 4).
– „46“, antworte ich.
– Und wann bist du erwachsen?

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Das Duell

Nachdem wir Papas Fahrrad zum Reparieren gebracht haben, spielen wir Fußball im „Käfig“ auf der Körtestraße. Papa steht im Tor, während Ruben und ein etwa gleichaltriger Junge sich verbissen beharken. Irgendwann, es steht gerade 1:1, fragt Ruben beiläufig:
Welche Klasse?
– Dritte,
antwortet der Junge und lässt Ruben elegant aussteigen. Du?
Zweite, erwidert sein Gegenspieler und luchst ihm den Ball wieder ab.
Schreibschrift?, stellt der Drittklässler die Killerfrage.
Ruben nickt cool und stürmt Richtung Tor. 2:1

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Bestechungsversuch

Papa, gibst Du mir einen Riegel? Dann geb ich dir 5 Euro. Dann kammst du dir ein Bier kaufen oder einen Wein.
(Anatol möchte um jeden Preis einen Müsliriegel. Woher er das Bestechungsgeld hat, ist nicht bekannt.)

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Die gute Frage (40)

Womit verdient man eigentlich Geld, wenn man Fallschirmspringer ist?
(Ruben, 7, lotet Berufsperspektiven jenseits von Fußballprofi und Basketballer aus)

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Heiratspläne, oder: Pech gehabt

„Willst du mich immer noch heiraten?“, fragt Mama.
Ja, sagt Anatol (3,75) und grinst übers ganze Gesicht.
– „Du könntest ja auch die Rosalie heiraten, die passt vom Alter viel besser zu dir…“
Das leuchtet Anatol sofort ein. Er malt das entsprechende Szenario aus – mit allen Konsequenzen: Ich bin Papa, und Rosalie ist Mama, und den Ruben brauchen wir dann nicht mehr!
„Das könnte aber mit Rubens Wunsch kollidieren“, gibt Mama zu bedenken. „Ruben hat ja schon gesagt, dass er mit dir alt werden will!“
Ich möchte aber mit Rosalie heiraten! Der Ruben hat dann eben Pech gehabt.

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Hör mir uff mit Happy End!

Dass Erich Kästners Emil und die Detektive als eines der ersten modernen Kinderbücher gilt, ficht meinen Sohn nicht an. Nachdem wir eine gekürzte Hörspielfassung des Klassikers angehört haben (eine historische Aufnahme mit Helmut Peine als Sprecher), merkt Ruben ungerührt an:
Ich finde Geschichten langweilig. Weil für die, um die es geht, geht es immer gut aus.
„Es gibt aber auch Geschichten, wo das nicht so ist“, wende ich ein. Von denen wünscht sich Ruben offenbar mehr.
Ich möchte mal was lesen, wo es spannend ist – wo man vorher nicht weiß, wer gewinnt.

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Panta rhei

Manche Sachen ändern sich nie: Wie die Windeltüte einem Eisstock gleich über die Dielen zur Wohnungstür schlittert, wie Anatol immer noch nicht „Entschuldigung“ sagen kann und stattdessen Tschugilung sagt, wie Ruben das Sprachspiel seiner Mutter imitiert, indem er Und was ich heut erlebt hab, interessiert dich wohl gar nicht? sagt. Und wie mir die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt. Höchste Zeit, im Vorübergehen einzufangen, was im Fluss ist und doch immer wiederkehrt. Aber dass man nicht zweimal in denselben… wissen wir ja.

Denn im Laufe der Zeit ändern sich die Dinge doch, unmerklich. Irgendwann wird die Tüte nicht mehr über den Flur flitzen, weil Töli kein Statement mehr daraus machen wird, nicht aufs Klo zu gehen – und  längst gelernt haben wird, „Entschuldigung“ zu sagen. Er wird akzeptieren, dass, wer Hilfe braucht, nicht wählerisch sein darf – und nicht mehr bei jedem Handgriff einfordern: die Mama macht des!  Ich werde darob sehr erleichtert sein und klammheimlich auch ein bisschen traurig.

Ruben wird andere, eigene Sprachspiele haben und nicht mehr auf meinen Arm springen, wenn ich nach Hause komme, Anatol mir nicht über den Arm streicheln, wenn wir zusammen kuscheln. Wenn wir überhaupt noch kuscheln.

Whoppa wird eine ferne sentimentale Erinnerung sein. Genauso der Streit um den Adventskalender. Und warum wir ihn abgehängt haben: ohne Belang, wenn nicht unbegreiflich. An die Stelle des Fußballspiels im Wohnzimmer wird das Computerspiel im eigenen Zimmer getreten sein. Das Geschreie und Gemaßregele wird andere Formen angenommen haben, nur die Scham wird immer noch die gleiche sein. Und die Liebe: Eine Quelle die Amen spricht (David Rokeah).

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Die gute Frage (39)

Papa, was ist schlimmer: Fack ju oder Fick dich?
(Ruben sucht seinen Weg zwischen philologischem Interesse und dem Bedürfnis nach Street Credibility)

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Halloween

Welcher Ninja möchtest du sein?, fragt Ruben – und gibt die Antwort gleich selbst: Du bist Sensei Wu, der Anführer. Da kannst du zu Hause bleiben und hast nicht so viel zu tun.

Aber zu Hause bleiben ist nicht, denn heute ist Halloween. Das heißt: Papa muss einen 5-Kilo-Kürbis nach Hause schleppen, den Ruben mit Mama balkonfähig macht, während Papa aus den Innereien eine spaghettifähige Kürbissoße zaubert.

Halloween_Balkon

Dann ist Fußball im Volkspark angesagt. Leider geht der Ball über den Zaun des Fußball-Käfigs und bleibt zwischen den Hufen der Lampetier liegen. Nachdem wir den Fußball aus den Fängen der Trampeltiere befreit haben, hasten wir aus der Hasenheide nach Hause, um die Festtagsbemalung anzulegen. Dann wird geübt: Trick or Treat (schließlich leben hier jede Menge Amis) und die deutsche Entsprechung, Variante Xberg: Süßes oder Saures – oder wir schreien!

Halloween_A&R

Dann knobeln Mama und Papa, und natürlich verliert Papa. Zu viert – Rubens Klassenkamerad Joel ist noch zu uns gestoßen – brechen wir auf. Ich bin skeptisch. War Ruben letztes Jahr nicht schon daran gescheitert, bei unserer Nachbarin zu klingeln? Wie soll es da auf dem ganzen Straßenzug klappen? Doch ich werde eines Besseren belehrt. Die drei Jungs klingeln mit Begeisterung, wenn auch wenig Ausdauer: Wer nach fünf Sekunden nicht aufgemacht hat, ist selber schuld.

Und obwohl uns alle paar Meter andere Grüppchen vampiresk gestylter Kinder begegnen, ist die Rezeption erstaunlich freundlich: Vom Brötchen über Lakritzbonbons bis zur Tafel Ritter Sport reicht die Ausbeute. Einer der Beklingelten besteht darauf, dass die Kinder schreien – was Joel bereitwillig tut. Ein junges Paar schenkt den Kindern in Ermangelung „richtiger“ Süßigkeiten sogar ein Stück selbstgebackenen Kuchen, das Papa (der sich stets dezent im Hintergrund hält) gleich an Ort und Stelle vertilgen darf – die Tüte ist schon so voll.

Anfangs springen die Kinder in ihren überdimensionierten schwarzen Umhängen (formerly known as Mamas und Papas Jacken) noch begeistert die Treppen hoch, um sich im vierten Stock ihr Leckerli zu holen, dann werden die Ressourcen geschont. Es reicht,  Erdgeschoss und 1. Stock abzuklingeln – und das auch nur im Vorderhaus. Für Papa trotzdem eine prima Gelegenheit, ein paar Kreuzberger Hinterhöfe zu begutachten, zu denen er sonst nie Zugang hätte.

Und für nächstes Jahr haben wir schon eine prima neue Variante im Köcher: Süßes, sonst gibt’s Probleme im Leben.

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Schön gemacht

Töli blättert in Rubens Mathe-Arbeitsheft „Flex & Flo“.
Willst du mal sehen, was der Ruben schon kann?, fragt der große Bruder den kleinen etwas gönnerhaft. Worauf der im gleichen Tonfall retourniert: Du hast schön eine Zahl gemacht!

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