Sehenswertes am Anhalter Bahnhof

Es ist Freitagabend, und es sieht nach Regen aus. Trotzdem schwingen Ruben und ich uns gut gelaunt auf die Räder und fahren Richtung Anhalter Bahnhof. Zwischen Tempodrom und Bahnhofsruine liegt ein kleiner Kunstrasen-Sportplatz, der einem sonst nie auffällt und der nach der jüdischen Leichtathletin Lilli Henoch benannt ist, die 1942 von den Nazis ermordet wurde. Auf diesem Platz findet die – mittlerweile schon zehnte – EM im Blindenfußball statt, die erstmals in Deutschland ausgetragen wird. Ruben hat irgendwo in Kreuzberg ein Plakat hängen sehen und selbst vorgeschlagen, dort hinzugehen. Deutschland gegen Italien lautet die Eröffnungspartie – ein Klassiker.

Gespannt radeln wir also zum kleinen „Stadion“ – für die EM wurde eigens eine mobile Tribüne aus Stahl errichtet. Zur Vorbereitung haben wir uns auf YouTube Videos angeschaut und uns ein bisschen mit den Regeln vertraut gemacht. Obwohl das Fernsehen da ist, ist die Atmosphäre familiär. Es sind vielleicht 300-400 Zuschauer gekommen. Man kann fast bis an den Platz laufen, ohne aufgehalten zu werden. Kaum haben wir uns hingesetzt, geht es auch schon los. Die Mannschaften laufen ein – im Gänsetrab: Jeder Spieler hat eine Hand auf die Schulter seines Vordermanns gelegt. Was ich irgendwie rührend finde – und mich sofort frage, ob dieses Sentiment statthaft ist.

Würdige ich die Sportler damit nicht irgendwie herab? Ach was, beschließe ich – und analysiere: Rührend ist es deshalb, weil für die Blinden das, was andere nur symbolisch vorführen – „Wir! Sind! Ein! Team!“ – von existenzieller Bedeutung ist. Die Spieler sind auf einander angewiesen. Beim Einlauf ins Stadion halten sie sich fest, später orientieren sie sich an den ständigen Rufen ihrer Mit- und Gegenspieler: „Voy!“ („Ich komme!“).

Nach der unvermeidlichen weißgewandeten Hymnensängerin wird angepfiffen. Wir sitzen in der ersten Reihe und sehen gut. Ein Privileg. Schnell steht es 2:0 für Deutschland. Vor dem Freistoß, der zum 1:0 führt, klopft der deutsche „Guide“, der hinter dem gegnerischen Tor steht, mit einem Stab an den rechten Pfosten, damit der Schütze weiß, wo er hinzielen muss. Ich zücke die Kamera – und tatsächlich: Kurz darauf zappelt die Kugel rasselnd im Netz. Der Ball ist etwas kleiner als der, mit dem die Sehenden spielen, und hat im Inneren so etwas wie Schellen, damit die blinden Fußballer wissen, wo sich das Runde befindet. Ruht der Ball, tippt der Schiri ein paar Mal darauf, so dass sich alle orientieren können. Ruben ist fasziniert, sein Vater nicht minder. Vor allem die enge Ballführung und die Intuition, mit der Pässe in die Tiefe des Raums gespielt werden (und beim Mitspieler ankommen), sind einfach der Hammer.

Dann beginnt es zu regnen. Der Himmel imitiert ein expressionistisches Gemälde, und das Gewitter ist da. Das Spiel wird abgebrochen, in einer halben Stunde sollen wir wiederkommen. Doch daran ist nicht zu denken. Blitz und Donner und brechende Wolken zwingen uns, unter dem schmalen Vordach des vier Quadratmeter großen türkischen Imbisses vor dem Stadion auszuharren und einen Suçuk- bzw. Käse-Toast nach dem anderen zu bestellen. Irgendwann lässt der Regen nach, es blitzelt noch ein wenig vor sich hin, aber gespielt wird heute nicht mehr. Dafür schnappen wir uns mit anderen einen Blindenfußball und kicken auf dem Nebenplatz, wo sich sonst die Spieler aufwärmen. Ruben ist in seinem Element.

Am nächsten Tag um 11 soll es weitergehen. Wir fahren durch Pfützen und Baustellen nach Hause und beschließen, mit Mutter und Bruder wiederzukommen. Zur Belohnung verwöhnt uns der Samstag mit strahlendem Sonnenschein. Die Deutschen schießen zwar kein Tor mehr, aber der Rest der Familie ist trotzdem beeindruckt. So sehr, dass wir beschließen, auch noch das zweite Spiel anzuschauen, in dem die Engländer die Rumänen mit 6:0 vom Platz fegen. Anatol (5), der auf ein 1:0 der Rumänen gesetzt hatte, wird schnell klar: Meinen Tipp kann man vergessen. Ein magentafarbener Helium-Luftballon mit „Euro-2017“-Aufdruck tröstet ihn darüber hinweg.

Wenn unsere Jungs am Mittwoch nicht gegen England untergehen, wird es ja vielleicht etwas mit Rubens Wunsch: Dass wir zum Endspiel Deutschland gegen X am nächsten Samstag wiederkommen.

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