Teufelsberg (Silvester-Nachlese)

Ich hasse die Leute, die immer so rumlaufen!, sagt Ruben bestimmt. Wir sind einmal um den Teufelsberg herumgelaufen, Berlins einzige nennenswerte Erhebung, irgendwo im Grunewald. Und haben unterwegs lauter Menschen in lustigen Kostümen getroffen, die sich keuchend die Anhöhe hinauf gequält haben, manche im Schottenrock, andere mit Zipfelmütze oder Superman-Cape, einige auch im stinknormalen Laufdress. Für einen Silvesterlauf ist es das denkbar ungünstigste Wetter: Es ist nasskalt, der eben noch so schöne Neuschnee ist unansehnlichem Matsch gewichen. Immerhin gibt es hier noch genügend Schnee, um die Kinder auf dem Schlitten durch die Gegend zu ziehen.

Wir wussten nichts von dem hier angesetzten Silvesterlauf, der uns zwingt, an anderer Stelle zu parken als ursprünglich geplant. Die Rodelbahn werden wir zwar letztlich nicht finden, doch unterwegs ergibt sich unverhofft die Gelegenheit, bergab zu rodeln – und freundlich-neidische Kommentare der masochismusbegabten Läuferschar entgegenzunehmen, die sich bergan quält.

Unsere Freunde A. und B. sind zu Besuch mit ihren beiden Kindern Bennet und Marietta, die altersmäßig genau zu Anatol und Ruben passen. Da wir schon eine ganze Weile unterwegs sind und die Rodelbahn immer noch nicht gefunden haben, das Auto jottwede steht und wir noch nach Kreuzberg fahren müssen, um Vorbereitungen für den Silvesterabend zu treffen, beschließen wir, dass A. und B. die beiden Autos holen, während meine Frau und ich mit zwei Schlitten, einem zum Kinderwagen umfunktionierten Fahrradanhänger und vier Kindern vermeintlich rodelbahnwärts ziehen.

Dabei entspinnt sich folgender Dialog zwischen zwei sechsjährigen Schulanfängern:
Bennet (genervt, weil er den Schlitten ziehen muss): Mein Papa hat am mehrsten gezogen [den Schlitten]!
Ruben (etwas ungläubig, aber nachsichtig): Das heißt am meisten!
Bennet: Ich kann nicht mehr!
Ruben (obwohl gerade keine Läufer zu sehen sind): Ich hasse die Leute, die immer so rumlaufen!

Durch tarkowskiesken Nebel wandernd, ziehen wir unsere Gefährte einen weiteren Hügel hinan, diesmal ist es der Drachenberg. Doch oben gibt es nur Pfützen und Matsch und einen eisigkalten Wind. Enttäuscht kehren wir wieder um. Beinahe hätten wir das tarnfarbene Tier übersehen, das uns aus fünfzig Metern Entfernung lauernd ansieht: Ein Fuchs, der kurz vor Jahresschluss noch einen letzten Rundgang durch sein Revier macht. Doch die Kinder sind schon viel zu erschöpft, um in ehrfurchtsvolles Staunen zu verfallen. Trotzdem werden drei von ihnen bis Mitternacht durchhalten (für unsere beiden Kinder eine Premiere), interessiert bis erschreckt das allfällige Geknalle zur Kenntnis nehmen und mit Apfelsaft aufs neue Jahr anstoßen. Möge es ein gutes werden!

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