Ich bin Brüssel, du Kreuzberg!

Ich bin Brüssel, du Kreuzberg!
Seit zwei Monaten will ich diesen Satz schon aufschreiben. Gefallen ist er auf dem roten Platz in St. Josse, Rubens bevorzugtem Fußball-cum-Spielplatz. Nun wohnen wir schon fast einen Monat wieder in Berlin, und es zeigt sich die tiefere Wahrheit dieses Satzes.

Während Papa und Mama sich notgedrungen schnell auf die neue Situation eingestellt haben – gemeinsam gilt es, eine Wohnung einzurichten, für Papa, einen neuen Job auszufüllen, und für Mama, den Alltag mit zwei Kindern zu meistern – ist Ruben zwar einerseits schnell hier angekommen, hadert aber andererseits mit der ungewohnten Situation: Es gibt keine Freunde, die er jeden Tag trifft, keinen durch die école vorstrukturierten Alltag, und vor allem – er kennt hier keine Gleichaltrigen. Und dann hat Papa auf einmal auch nicht mehr so viel Zeit wie vorher.

Das ist hart, und so ist der gemeinsame, nun plötzlich knapper bemessene gemeinsame Alltag auch ein steter Kampf um die knappe Ressource Aufmerksamkeit, der alle Beteiligten ständig an ihre Grenzen bringt. Nur Anatol ist immer gut gelaunt und rutscht auf dem Hintern den Kombattanten hinterher – von Zimmer zu Zimmer.

Trotz aller Reibereien bleibt auch noch Zeit für schöne Dinge wie die Radtour von Vater und Sohn über das gewaltige Tempelhofer Feld. Begeistert saust Ruben mit seinem gelben Gefährt über die ehemalige Startbahn, testet bei voller Fahrt den Leerlauf und übt, auf einer weißen Linie zu fahren. Die Fortschritte, die er hier in kurzer Zeit gemacht hat, sind beeindruckend. Sogar über die große mehrspurige Kreuzung an der Ecke Yorckstraße/Katzbachstraße fährt er umsichtig (während Vaters Herz ängstlich klopft).

Als die 15-jährige Tochter eines tschechischen Freundes uns für ein paar Tage besucht, kommt Ruben in den Genuss eines Besuchs der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Als Papa vorsichtig fragt: „Hat es dir da gefallen?“, antwortet Ruben unbekümnert: Ja.
„Fandest du es da nicht traurig?“
Nein, es gab ja was zu essen und zu trinken.

Wie gut, dass es doch ein paar Kontinuitäten gibt.

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