Paradigmenwechsel, Baby!

Der Winter geht, der Frühling kommt. Das ist zwar noch nicht amtlich, aber seit heute glauben es alle. Und wie wir alle wissen, wird es erst dann Frühling, wenn man sich entsprechend verhält: Thermounterwäsche wegräumen, Sonnenbrille rauskramen und Fünf gerade sein lassen, wenn der Sohnemann nervt.

Es traf sich also gut, dass an diesem herrlichen, unglaublich sonnigen Proto-Frühlingstag in unserer école ein jour pédagogique war. Sprich: ganztägig Lehrerkonferenz, und die Kleinen in der garderie, also nur betreut und ohne Anleitung.

Daher holte ich Ruben schon um eins ab (statt wie sonst um halbvier). Kurze Zeit später stieß auch Rubens Freund und Schulkamerad Milan zu uns und wir suchten uns ein sonniges Plätzchen im Parc Josaphat – mit Tisch und Sitzgelegenheiten und ausreichend Abenteuerpotenzial (Wasser! Stöcke!! Erde zum Graben!!!).

Während Anatol (10 Monate) neugierig ein paar knospende Zweige befingerte, spielten Ruben und Milan Krieg. Als ich zweifelnd fragte, ob das mit dem Krieg wirklich sein müsse, wurde mir erklärt, dass man sich ja irgenwie gegen den bösen Mann wehren müsse.

Die ganze Angelegenheit entpuppte sich dann aber als sehr kontemplativ: Während der eine Teil der Zweier-Verteidigungsarmee ins Studium verschiedener herabgefallener Äste vertieft war (Ruben), kauerte sich der andere (Milan) konzentriert zu Füßen der Freiluftsitzgruppe und kratzte mit einem Stöckchen sorgfältig die Erde zusammen.

– „Was machst du da, Milan?“, fragte ich freundlich.
– „Ich mach ein Kriegshaus“, war Milans knappe Antwort. „Da wo man drin Krieg machen kann.“
Subtext: Jeder Depp sieht, was ich hier mache, nur Du nicht…

Kurze Zeit später wappneten sich die beiden dann für den Angriff der Rexe.
– „Was sind denn Rexe?“, fragte ich Ruben neugierig.
Na, die Saurier, erklärte es Ruben Groß-Doofi. Er zeigte mir die Zähne und machte: UAAAHHH!
Da endlich fiel bei mir der Groschen: Er meinte den Tyrannosaurus Rex.

Wir gingen noch hundert Meter weiter auf den „richtigen“ Spielplatz, wo wir prompt auch noch das fehlende Mitglied der Dreierbande trafen: Aaron. Zu dritt bestiegen sie das Holzklettergerüst und wähnten sich auf einem Schiff. Ruben war natürlich der Kapitän.

„Heissasa, wir fahren nach Italien!“, rief Milan. Das Wort „Heissasa“ habe ich noch nie aus Kindermund gehört (geschweige denn aus sonst einem Mund). Es musste direkt aus einem schon etwas angejahrten Kinderbuch in Milans Sprachschatz übergegangen sein.

Dann war Schluss mit Heissasa – Milan musste Pipi. Wir gingen also rasch zu Milan nach Hause. Denn praktischerweise wohnen seine Eltern gleich um die Ecke vom Parc Josaphat. Dort, also bei Milan zu Hause, zogen sich die beiden Großen sofort in den ersten Stock zurück, um sich umzuziehen, während der Kleine (Anatol) auf dem Küchenfußboden begeisterte Turnübungen vollführte (wobei unklar blieb, ob als nächster Programmpunkt „Robben“ oder „in den Bärenstand Kommen“ dran ist).

Als Milan und Ruben wieder zurückkamen, war Milan in ein Prinzessinnen-Kostüm geschlüpft (seine Mutter hat Gender Studies studiert), während Ruben in bewährter Manier als Ritter aufkreuzte. Kurz darauf gab es zum ersten Mal richtig Streit. Ich wartete darauf, dass Milan seinen üblichen Satz sagte: „Du bist nicht mehr mein Freund.“ Doch an einem solchen Tag hätte ich damit rechnen müssen: Paradigmenwechsel, Baby!

Milan sagte: „Du bist nicht mehr mein Prinz!“

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