Bunt sind schon die Wälder

Oh nee, das gibt’s doch gar nicht! Meine Güte…
Es ist sieben Uhr morgens, mein Sohn und ich sind soeben vor die Haustüre getreten, und aus dem Tal steigt der herbstliche Frühnebel zu uns empor. Ruben staunt darüber, wie kalt das Geländer an der Treppe vor dem Haus meiner Eltern ist.

Wir gehen zum Tor, wo die Briefkästen sind, und holen die Zeitungen. Ruben bekommt das Lohrer Echo, ich die Frankfurter Rundschau. Guck mal, Papa, eine Trompete, sagt mein Sohn und hält sich die zusammengerollte Zeitung vor den Mund. Er zeigt auf die Rundschau und sagt: Das ist die Tuba!

Trötend laufen wir über die Terrasse zurück und stellen uns vor das Schlafzimmer meiner Eltern. Oma, wir trompeten! ruft Ruben und krakeelt dann: Drei Chinesen mit dem Kontrabass. “Zwei”, verbessere ich und tröte fröhlich mit. Das Lohrer Echo ist an der Stelle, wo Ruben intoniert, schon gut durchgefeuchtet.

Nach dem Frühstück fragt mein Sohn: Wo gehmer jetz hin? Ich weiß es auch nicht, also spazieren wir einfach zum Tor hinaus und laufen am Feld entlang dem morgendlichen Nebel entgegen. Hinter der Valentinus-Kapelle setzen wir uns auf eine Bank, von der aus man auf die Stadt sehen kann. Mittlerweile ist es zehn Uhr, und weil Sonntag ist, ertönt auf einmal von überallher Kirchengeläut. Oh, die Locke! ruft Ruben ehrfürchtig. Nach einer Weile aber reicht es ihm. Locke aus. Jetz is Schluss!

Die Glöckner gehorchen nicht. Wir verlassen unsere Bank und gehen die Hangstraße entlang. Da warmer sson, oder? fragt Ruben. Ich bejahe und freue mich (noch) über die neue Fragelust meines Sohnes. Seit ein paar Tagen fragt er auch nach jedem dritten Satz: Warum? An diesem Sonntag ist Ruben exakt zwei Jahre und zehn Monate alt. Genau für diesen Zeitpunkt prognostiziert der neue Elternbrief den Beginn der kindlichen W-Fragelust. So wie vor ein paar Wochen das Wörtchen eigentlich den Sprachschatz Rubens erweitert hat, werden nun viele Fragen mit oder? beendet: Da waren wir schon, oder? Und Musik in den Ohren eines Vaters ist natürlich die artige Frage: Darf ich…? Du darfst.

Was es mit dem Titel dieser Geschichte auf sich hat? Als der Vater dem Sohne Bunt sind schon die Wälder vorsingen will, unterbricht ihn dieser streng: Papa, das kannst du nicht!

About these ads
Dieser Beitrag wurde unter Rubelmann, Wo in aller Welt abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Bunt sind schon die Wälder

  1. Pingback: Volkslieder, ideologiekritisch gesehen | parkwaechter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s