Frau Adenauer und Doktor Vorwärts-wie-Rückwärts

In Brüssel gibt es eine schöne Einrichtung für orientierungslose oder auch einfach nur einsame Expats: die deutsche Telefonhilfe. Da kann man anrufen und fragen, wo gibt es hier bitte einen deutschen Bäcker und wie finde ich einen deutschsprachigen Steuerberater. Aus gegebenem Anlass brauchte ich ganz schnell einen Zahnarzt, möglichst einen, der Deutsch sprach – oder wenigstens Englisch. (Ja ja, den Sprachkurs mache ich noch – bald…)

Die Hotline (eigentlich eher eine Warmline) wird von einer Schar Ehrenamtlicher betrieben: freundlichen Damen des Typs Diplomatengattin. (Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb die Einrichtung nicht von der deutschen Botschaft gefördert wird: um den Eindruck der Vetternwirtschaft zu vermeiden.)

“Moment, da muss ich mal den Hörer weglegen”

Ich rief also dort an und hatte Glück. Am Apparat war eine gemütliche ältere Dame mit rheinischem Einschlag – nennen wir sie Frau Adenauer – und erklärte mir, eigentlich wäre die Telefonhilfe erst ab 10 Uhr besetzt, aber da sie mit einem privaten Anruf gerechnet hätte, sei sie rangegangen, und da wir nun ja schon mit einander sprächen, könne ich mein Anliegen ja mal vortragen.

Ich sagte, ich sei neu hier. Wir plauderten über dies und das, ich moserte noch ein wenig über fehlende Wickeltische und die im Vergleich zu Berlin popeligen Kinderspielplätze, dann trug ich mein Anliegen vor.

Frau Adenauer sagte, “Moment, da muss ich mal den Hörer weglegen”. Ich hörte, wie sie in irgendwelchen Papieren kramte. Schließlich wurde sie offenbar fündig und hatte eine Liste vor sich liegen. Ich sagte, der Arzt muss seine Praxis nicht um die Ecke haben, Hauptsache, er kann Deutsch – oder wenigstens Englisch.

Hauptsache, er kann Deutsch

Frau Adenauer schlug mir drei Ärzte vor, die zwar allesamt in anderen Teilen der Stadt praktizierten, aber laut ihrer Liste Deutsch konnten. Ich bedankte mich für das nette Gespräch und rief die erste Nummer an. Der Name des Zahnarztes klang sogar vertraut, aber Dr. Pfeifer konnte kein Deutsch – und was schwerer wog: Er war gar kein Zahnarzt, sondern Allgemeinmediziner. Na gut, zwei Versuche hatte ich ja noch.

Nummer zwei auf der Liste hörte sich zwar eindeutig griechisch an, war aber wenigstens eine Zahnärztin. Leider sprach sie nur Französisch und hatte erst in zwei Monaten wieder einen Termin frei.

Bei Nummer drei hatte ich dann Glück. Dr. Lambert war zwar, anders als in Aussicht gestellt, des Deutschen nicht mächtig, und nuschelte auch etwas, so dass ich seinen Namen kaum verstand – aber der Mann konnte Englisch. Und war bereit, mich noch am selben Abend um 20 Uhr in seiner Praxis zu empfangen.

Also nichts wie hin nach Etterbeek! Um kurz vor acht stand ich in einem finsteren Hauseingang in der Avenue de l’Armée und suchte auf dem Klingelknopf nach einem Dr. Lambert. Fehlanzeige. Im Erdgeschoss gab es zwar einen dentiste, aber der trug einen Namen, den man von vorne wie hinten lesen konnte und der ein wenig klang wie Captain Ahab.

Warten auf Doktor Palindrom

Mutig klingelte ich. Niemand machte auf. Ich wartete fünf Minuten und wollte fast schon wieder gehen, als ein Auto heranrauschte. Aus dem Wageninneren winkte mir ein Mann zu und bedeutete mir, er wolle nur rasch in die Tiefgarage einfahren und würde mir dann aufmachen.

Wie sich bei der Begrüßung herausstellte, war Dr. Lambert schon seit Jahren tot oder er praktizierte nicht mehr – so genau habe ich das nicht verstanden. (Wenn mein Französisch so gut wäre, bräuchte ich ja solche Abenteuer nicht zu erleben…) Vor mir stand Dr. Vorwärts-wie-Rückwärts und entschuldigte sich, dass sein Englisch leider sehr eingerostet sei. “Macht nichts, mein Französisch auch”, erwiderte ich fröhlich und dachte, “dafür hätte ich jetzt nicht nach Etterbeek fahren brauchen, aber wenigstens habe ich gleich einen Termin gekriegt…”

Fortsetzung folgt: “Allein mit Dr. Palindrom”

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2 Antworten zu Frau Adenauer und Doktor Vorwärts-wie-Rückwärts

  1. Muyserin schreibt:

    Du machst es aber schön spannend! Bin schon gespannt, wie’s weitergeht.

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